Loriot - Die Ente bleibt draußen

WER TRENNTE SIE, DIE WORTE UND DIE DINGE

Unter Todesreigen weinten die Widder
In End-Tosen würgte weit die Erdrinde

Die Windrose gürtete den Winterneid
Dringend wie Eiter wurden die Sonette

Wo die Tintenruder wie Teerdegen sind
weisen wunde Tiere integer dir den Tod

Wieder und wieder eint Gott sein Reden
Irgendwie donnerte die Stunde weiter


DREIHUNDERTEINUNDFÜNFZIG A
(WIE ALPHABET)

Auf der Letternspur suchen Begriffe
eine poetische Technik der Dissonanz.
Das archaische Spiegelbild der Erinnerung
fabelt im Urgrund der Schriftzeichen.
Rohes Anatomie-Geflecht, fragmentarisch.
Wer hörte das Widerhallen des Bruchs
in der Archäologie der Selbstbeobachtung,
das luxuriöse Einmaleins der Lüge?
Buchstaben öffnen den Code der Schöpfung.
Das Alphabet lebt lang als Kryptogramm.


Gedichte werden nicht aus Ideen gemacht, sondern aus Worten, aus den Bausteinen, die die 26 Lettern des Alphabets bilden. Doch Buchstaben sind Nomaden. Sie entfalten – wie im Anagramm – ihr Eigenleben und suchen nach neuen Konstellationen. Seit jeher verspüren die Lettern eine starke Affinität zum Reich der Zahlen. Hier regieren Codes und Chiffren. Mit Textverschlüsselungen arbeitet nicht nur der Geheimdienst, sondern auch die Zahlenpoetik. Dabei entstehen Ponderabilien, gewichtete Worte. Das spezifische Gewicht eines Wortes errechnet sich aus der Summe seines Buchstabenwerts. Dabei gilt das Schema A=1, B=2, C=3 usw. bis Z=26. So kommt das Wort »Zahl« auf das spezifische Gewicht von 47 (Z=26, A=1, H=8, L=12). Aus der Allianz von Buchstabe und Zahl ergeben sich eine Vielzahl experimenteller Anordnungen, die für alphanumerische Textkompositionen fruchtbar gemacht werden können. Bei der Arbeit an den "Gewichteten Gedichten" dient dem Autor ein von ihm selbst entwickeltes Wörterbuch – der alphanumerische Thesaurus –, in dem er den eigenen Wortschatz nach Zahlenwerten rubriziert hat. Der Thesaurus umfasst derzeit etwa 12.000 Begriffe und wird ständig weitergeführt. Der Zahlenwert aller Buchstaben des Alphabets von A (= 1) bis Z (= 26) ergibt addiert die Summe von 351. Die Buchstaben jeder Zeile des oben stehenden Gedichts "Dreihunderteinundfünfzig A (wie Alphabet)" haben addiert den Zahlenwert von 351. Somit ist in jeder Zeile das gesamte Alphabet repräsentiert.
(aus: Stephan Krass, Lichtbesen aus Blei, Gewichtete Gedichte, Berlin 2005, Elfenbein-Verlag)


Ein Anagramm sucht man nicht, man findet es. Es ist immer schon da. Es bezeichnet ein poetisches Verfahren, bei dem der Buchstabencorpus eines Wortes oder einer Zeile zur Bildung eines neuen Wortes oder einer neuen Zeile verwendet wird, ohne dass ein Buchstabe hinzugefügt oder weggelassen werden darf. Indem es den Text beim Wort nimmt, deckt das Anagramm einen Kosmos verschiedener Lesarten auf.

Was tut jener Dichter, der sich keine Kunst, zumal kein Sprachspiel, ohne Regel vorstellen kann? Er muss jene tradierten Regeln anwenden, die traditionell schwer als Regel auszumachen sind - ein subtiles Spiel mit der Spracheund manchmal auch gegen den begriffstutzigen Leser, POSTMODERNE / SONDERTEMPO / MODERPOSTEN /MOPEDROSTEN / ENORMPODEST /SERMONDEPOT Was geht da vor? Was liegt da vor? Ein Anagramm, gebidet aus "Postmoderne", und wenn einer weiß, was das ist - ein Anagramm - dann der leidenschaftliche Anagrammist Stephan Krass. Dank seiner weiß ich, warum die letzte Stunde des Anagramms sobald nicht schlagen wird.
(Robert Gernhardt, Frankfurter Poetikvorlesung 2001).



Über Stephan Krass

geb. 1951; lebt in Karlsruhe und New York; Literaturredakteur (SWR) und Dozent für Literatur an der HfG Karlsruhe; Text-Installationen, Hörspiele, Performances; Anagramm – Poem auf Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomaten im Literaturmuseum der Moderne; zuletzt erschien: „Poetischer Doppelpass. Ein Spiel mit Buchstaben und Bällen“ (Büchergilde Gutenberg 2008); 2009 erscheint Das Konzil der Planeten. Poetische Konstellationen (Elfenbein Verlag); 2006 Hörspielpreis der Akademie der Künste Berlin.


Zurück zur Programmvorschau »