Über Lautpoesie
Die Lautpoesie ist ein Genre der akustischen Kunst im intermedialen Grenzbereich von Poesie und Musik. In Lautgedichten insbesondere nach 1945 werden alle an artikulatorischen Prozessen beteiligten Sprechorgane und -werkzeuge und der Atemapparat stimmlich-‘kompositorisch‘ eingesetzt, das gesamte menschliche Klang- und Geräuschpotential wird ästhetisch erfahrbar gemacht.
Lautgedichte sind auditive Irritationsexperimente, die von der untersten Einheitenebene eines Einzellauts bis zu einem Textganzen klangliche Eigenschaften von Sprachlauten und Stimmenmerkmalen abtasten. Mit ihrer ausdrucksorientierten, häufig emotionsbesetzten artikulatorischen Gestik lassen Lautgedichte oft den Höreindruck einer Nachahmung von Gestik und Artikulationsfluß realer Sprachen entstehen.
Grundsätzlich kann man drei verschiedene Formen von Lautpoesie unterscheiden: reine Echtzeit-Stücke, Live-Performances in Kombination mit präfabriziertem Ton- oder Bildmaterial oder akustischen bzw. optischen Reproduktionsgeräten und reine Studiozeit-Stücke.
Eine erste poetologische Ausformulierung erfährt der Begriff bei Hugo Ball. Erste elaborierte Lautgedichte stammen von Paul Scheerbart und Christian Morgenstern. Systematisch erprobt wird das Lautgedicht im russischen und italienischen Futurismus und im Dadaismus. Nach 1945 differenziert sich das Spektrum der Lautpoesie durch das Aufkommen neuer Medien und Sprachverarbeitungstechniken weiter aus. Von ihrer Motivation her zielen die Lautpoeten gegen das in der Literatur ihrer Meinung nach längst schon verbrauchte und immer nur wiederholte Narrative und Anekdotische sowie gegen ein lyrisch-stimmungshaftes Verständnis von Poesie.
Lautpoesie als stimmliche Performance und ‚Multimedia‘- Kunstform konstituiert sich aus musikalischen, tänzerischen, performativen und visuellen Elementen. Eine wesentliche Zielsetzung von Lautpoesie, die auch als Wiederentdeckung oraler und ethnopoetischer Traditionen gilt, ist das Aufdecken und Durchbrechen sozialer und ästhetischer Tabus.
Michael Lentz
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Die Lautpoesie ist ein Genre der akustischen Kunst im intermedialen Grenzbereich von Poesie und Musik. In Lautgedichten insbesondere nach 1945 werden alle an artikulatorischen Prozessen beteiligten Sprechorgane und -werkzeuge und der Atemapparat stimmlich-‘kompositorisch‘ eingesetzt, das gesamte menschliche Klang- und Geräuschpotential wird ästhetisch erfahrbar gemacht.
Lautgedichte sind auditive Irritationsexperimente, die von der untersten Einheitenebene eines Einzellauts bis zu einem Textganzen klangliche Eigenschaften von Sprachlauten und Stimmenmerkmalen abtasten. Mit ihrer ausdrucksorientierten, häufig emotionsbesetzten artikulatorischen Gestik lassen Lautgedichte oft den Höreindruck einer Nachahmung von Gestik und Artikulationsfluß realer Sprachen entstehen.
Grundsätzlich kann man drei verschiedene Formen von Lautpoesie unterscheiden: reine Echtzeit-Stücke, Live-Performances in Kombination mit präfabriziertem Ton- oder Bildmaterial oder akustischen bzw. optischen Reproduktionsgeräten und reine Studiozeit-Stücke.
Eine erste poetologische Ausformulierung erfährt der Begriff bei Hugo Ball. Erste elaborierte Lautgedichte stammen von Paul Scheerbart und Christian Morgenstern. Systematisch erprobt wird das Lautgedicht im russischen und italienischen Futurismus und im Dadaismus. Nach 1945 differenziert sich das Spektrum der Lautpoesie durch das Aufkommen neuer Medien und Sprachverarbeitungstechniken weiter aus. Von ihrer Motivation her zielen die Lautpoeten gegen das in der Literatur ihrer Meinung nach längst schon verbrauchte und immer nur wiederholte Narrative und Anekdotische sowie gegen ein lyrisch-stimmungshaftes Verständnis von Poesie.
Lautpoesie als stimmliche Performance und ‚Multimedia‘- Kunstform konstituiert sich aus musikalischen, tänzerischen, performativen und visuellen Elementen. Eine wesentliche Zielsetzung von Lautpoesie, die auch als Wiederentdeckung oraler und ethnopoetischer Traditionen gilt, ist das Aufdecken und Durchbrechen sozialer und ästhetischer Tabus.
Michael Lentz
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