wir ueber uns

Gleich hinter dem Stadttheater liegt Würzburgs ältestes und ambitioniertestes Privattheater: die Werkstattbühne (60-65 Plätze). Es versteht sich als literarisch-politische Bühne emanzipatorischen Charakters und arbeitet sowohl mit Laien als auch mit Berufsschauspielern zusammen.

Ein Theaterbesessener und viele Experimente

Seit der Spielzeit 1981/82 (Eröffnung im Dezember 1981 mit: Die Bestrahlung und Verfolgung des Herrn Robert B. durch die Staatsterroristen, ein Stück nach authentischen Texten von Wolfgang Schulz) arbeitet der Theater-Maniac Wolfgang Schulz im, mit und für dieses Theater. Schulz ist ein Theaterbesessener mit Ecken und Kanten, der dem Spielplan seinen individuellen Stempel aufprägt. Neben spektakulären Produktionen seiner eigenen Stücke (Niagara, Krakatoa-Krakatau, Phalásarna, Pol-Pol, Hitlers Schädel) brachte Schulz in den zurückliegenden Jahren nicht nur Lebensbilder in Form von Collagen über fränkische Autoren wie Leonhard Frank, Leo Weismantel, Oskar Panizza und Max Dauthendey, sondern auch audiovisuelle Experimente mit Texten von Euripides (Bellerophontes) oder Fernando Pessoa. Überhaupt stand und steht das Experiment im Vordergrund des Spielplans, wie die Werkstattbühne mit Franz Kafkas Dramatisierungen seiner Erzählungen (so: In der Strafkolonie), mit dem Ein-Mann-Theater und Dauerbrenner Ein Bericht für eine Akademie oder auch mit einer Inszenierung von Antonin Artauds Es gibt kein Firmament mehr (Inszenierung: Thomas Lazarus) oder dem Nosferatu von und in der Regie von Markus Czygan zeigt, der auch für einen Skandal verantwortlich zeichnete, nämlich die Aufführung des Stücks Zwei Hühner werden geschlachtet von Alf Poss (2002), mit dem die Werkstattbühne wieder einmal landesweit für Aufregung sorgte und die Wut der Tierschützer auf sich lenkte.

Modernes und Zeitgenössisches

Einen wesentlichen Rang nahm die Moderne Anfang der 90 er mit u.a. einer Dada-Collage, mit hochgelobten Musikstücken und Texten von Gertrude Stein (Dr. Faustus Lichterloh, Musik: Klaus Ospalt, und Die Welt ist rund, Musik: Christoph Weinhart), Pablo Picasso (Wie man Wünsche beim Schwanz packt, Musik: Christoph Weinhart), Wassilly Kandinsky (Der gelbe Klang, Musik: Jürgen Zink) und den kleinen Stücken von Samuel Beckett ein. Dazu wurden bekannte Lautpoeten wie Franz Mon, Gerhard Rühm und Oskar Pastior in die Werkstattbühne eingeladen. Die deutschsprachigen zeitgenössischen Autoren wie Peter Handke, Martin Sperr, Herbert Achternbusch, Rainald Goetz, Heiner Müller und vor allem Thomas Bernhard erlebten hier zum Teil ihre Würzburger Erstaufführung.

Klassiker und Komödien

In jüngster Zeit hat sich die Werkstattbühne verstärkt klassischen Stoffen zugewandt, da von seiten der Schulen in Würzburg und Umgebung diesbezüglich eine starke Nachfrage besteht, der sich bislang offensichtlich kein anderes Theater zugewandt hatte. Zur Aufführung kamen zum Teil als Neuinszenierungen z.B. Goethes Urfaust, Büchners Woyzeck und Leonce und Lena, Schillers Don Carlos, Die Räuber und Kabale und Liebe, Lessings Emilia Galotti (2008), sowie Dürrenmatts Die Physiker (2005/06). Auch Bertolt Brecht steht immer wieder auf unserem Spielplan. Zu seinem
100. Geburtstag konnte die Werkstattbühne mit einem von Wolfgang Schulz bearbeiteten Fragment von Hans im Glück aufwarten. Ferner kamen in jüngster Vergangenheit Mann ist Mann (2003/04) und 2009 die Flüchtlingsgespräche zur Aufführung. Dem Wunsch des Publikums nach leichterer Kost trägt die Werkstattbühne durch gutbesuchte Komödien Rechnung wie etwa Liebe, Sex und Therapie von Tony Dunham, dem Loriot-Abend unter dem Titel Ach Was sowie Peter Turrinis Die Wirtin nach Goldoni.

2006 bis 2008

Gerade ein Überblick über die letzten drei Spielzeiten zeigen deutlich den Weg der Werkstattbühne zwischen Skylla und Charybdis: Klassisches wie Goethes Werther (2005/06), Büchners Lenz (2007) mit dem bewährten Markus Grimm, später mit ihm der Untertagblues (2008) von Peter Handke, alles Solo-Stücke mit unterschiedlichem Besuch, hochgelobt Das letzte Band von Samuel Beckett (2006) mit Wolfgang Schulz sowie Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (2006/07) in der Regie von Markus Czygan, dann Shakespeares Was ihr wollt (2007) in der Regie von Mafred Plagens, die schon erwähnten Physiker von Dürrenmatt (2007) in der Regie von Hausregisseur Hermann Drexler, Emilia Galotti von Lessing (2007) in der Regie von Thomas Lazarus. Dazwischen die RAF-Collage was wir wollen, ist die revolution von Wolfgang Schulz, die wieder einmal die Gemüter erregte bis hin zu Forderungen, der Werkstattbühne die Subventionen zu streichen. Dann wiederrum Ein idealer Gatte von Oscar Wilde (2007/08) sowie 1984 nach dem Roman von Orwell (2008) in der Regie von Markus Czygan sowie Geschlossene Gesellschaft von Sartre und Amphitryon von Kleist, beide 2007/08 aufgeführt und in der Saison 2008/09 wiederaufgenommen. Abgeschlossen wurde das Spieljahr 2008 mit einem Renner, nämlich mit einer Neuinszenierung Loriot'scher Sketsche unter dem Titel Die Ente bleibt draußen, in der Regie von Manfred Plagens. Ein Bild der aufgeklärten Diversifikation bildet der Spielplan der Werkstattbühne, ein Versuch, aus der nach Kant "selbstverschuldeten Unmündigkeit" herauszuführen.

Freilichtspiele im Efeuhof

Seit 1997 veranstaltet die Werkstattbühne auch Freilichtspiele im Efeuhof des Rathauses. Auf dem Spielplan standen u.a. Ritter Unkenstein von Karl Valentin (die Übernahme einer erfolgreichen Werkstattbühnen-Produktion), Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist, Amadeus von Peter Shaffer, Der Geizige von Moliere, Die Weibervolksversammlung von Aristophanes sowie zuletzt Bezahlt wird nicht von Dario Fo. Eine Fortsetzung der Freilichtspiele erscheint im Moment jedoch äußerst ungewiss. Das immer unberechenbarer werdende Wetter im Sommer mit zum Teil lang anhaltenden Regen- und auch Kälteperioden, wie im Sommer 2007, lässt das Risiko hoher Produktions- und Mietkosten mittlerweile als untragbar erscheinen. Bis auf weiteres werden die Freilichtspiele daher ausgesetzt - soweit nicht den Anträgen der Werkstattbühne zur Verbesserung der Freilichtsituation Rechnung getragen wird.

In einem wilden, poetischen, audiovisuellen Selbstbekenntnis sowie einer Erinnerung an die Werkstattbühnen-Jahre zum 25-jährigen Jubiläum dieser Bühne hatte unter dem Titel Die Revolutionsorgel Wolfgang Schulz am 10.12.2006 den ans Tageslicht drängenden Schatten der Unterwelt in Gestalt der Unterwelt-Göttin Persephone zugerufen:
Dies ist die Stunde des Verderbens der Klasse, die besitzt und herrscht, Tod ihr und den Komplizen! ...
Ihr sollt Gerichtstag halten, vergeßt nicht ihre Knechte, macht das kaputt, was alle quält, es ist die Macht
des Kapitals, die alle drangsaliert. Die Macht gehört von unten bis nach oben völlig neu verteilt,
das ist Gesetz, und: Jeder schafft nach seiner Fähigkeit und jeder hat zum Leben, was er braucht, nicht mehr.
Dem bleibt nichts hinzuzufügen. 

Wolfgang Schulz


Unterstützt wird die Werkstattbühne, die fast 10 Jahre ohne jegliche Subvention auskommen musste, mittlerweile von der Stadt Würzburg, dem Bezirk Unterfranken und dem Bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Träger des Theaters ist der Werkstattbühne e.V..