"im jahre neunzehnhundertsechsundachtzig, am zweiundzwanzigsten September, dem tag des heiligen mauritius, betrat ich die deutsche demokratische republik. ich war, fast auf den monat genau, zwanzig jahre im westen gewesen, ich war sechsundzwanzig jahre alt.
ich schleppte die drei schwersten koffer in den raum wo die grenze ist, die genossin sah
auf mein papier und sagte: da studieren sie
jetzt also bei uns, und ich war da."
(So schildert Ronald M. Schernikau in Die Tage in L, S. 13, 2. Aufl., Hamburg 2009 seine Übersiedlung in die DDR)
Ronald M. Schernikau (1960 - 1991)
...war Dichter, schwul und Kommunist. Er schrieb Literatur, die niemand drucken wollte, er hielt Geschlechterrollen für obsolet und er zog als letzter Bundesbürger freiwillig in die DDR. Wie passt das zusammen? Für Schernikau stellte sich diese Frage nicht. Bei Freund und Feind stand er deswegen in der Kritik. Und steht es noch immer. Eine Rede auf dem Kongreß der Schriftsteller der DDR, 1. bis 3. März 1990 begann er so:
Meine Damen und Herren,
der Eine weiß das Eine und der Andere das Andere. Ich bin Ronald M. Schernikau, ich komme aus Westberlin, ich bin seit 1. September 1989 DDR-Bürger, ich habe drei Bücher veröffentlicht und ich bin Kommunist.
Die Dummheit der Kommunisten halte ich für kein Argument gegen den Kommunismus. Honeckers Versuch, ein guter König zu sein, so klein und mickrig er auch ausfiel, er war der Versuch zu Konsens. Das Faszinierende an dem Terror der Geistlosigkeit unter Honecker war für mich immer das deutliche Gefühl: Wenn die dürften, wie die wollten, wäre das die Versammlung der Klügsten. Nein, mehr: Es ist, durch den Terror hindurch, schon jetzt diese Versammlung...
...die bundesrepublik deutschland hat einen einzigen satz hervorgebracht. der satz ist in einem maße genial, daß aller protest zum gemeckere wird, alle beschimpfung zum lob. es ist der satz eines faschisten, der dann nicht mehr als faschist arbeitete, und der dazu gebracht werden sollte, sich zum faschismus zu äußern, dieser mann sprach einen einzigen satz, und als er diesen satz gesprochen hatte, war klar, daß es niemals eine erwiderung geben würde, keine antwort, keine silbe weit. der satz lautete: ich erinnere mich nicht...
...ein genie braucht immer eine weile, um zu begreifen, daß die anderen das nicht können, was es selber kann. ich staune jedesmal neu, wenn ich bemerke, daß jemand kein kommunist. der kommunismus liegt so auf der hand! aber vielleicht haben die anderen keine hand?
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(So schildert Ronald M. Schernikau in Die Tage in L, S. 13, 2. Aufl., Hamburg 2009 seine Übersiedlung in die DDR)
Ronald M. Schernikau (1960 - 1991)
...war Dichter, schwul und Kommunist. Er schrieb Literatur, die niemand drucken wollte, er hielt Geschlechterrollen für obsolet und er zog als letzter Bundesbürger freiwillig in die DDR. Wie passt das zusammen? Für Schernikau stellte sich diese Frage nicht. Bei Freund und Feind stand er deswegen in der Kritik. Und steht es noch immer. Eine Rede auf dem Kongreß der Schriftsteller der DDR, 1. bis 3. März 1990 begann er so:
Meine Damen und Herren,
der Eine weiß das Eine und der Andere das Andere. Ich bin Ronald M. Schernikau, ich komme aus Westberlin, ich bin seit 1. September 1989 DDR-Bürger, ich habe drei Bücher veröffentlicht und ich bin Kommunist.
Die Dummheit der Kommunisten halte ich für kein Argument gegen den Kommunismus. Honeckers Versuch, ein guter König zu sein, so klein und mickrig er auch ausfiel, er war der Versuch zu Konsens. Das Faszinierende an dem Terror der Geistlosigkeit unter Honecker war für mich immer das deutliche Gefühl: Wenn die dürften, wie die wollten, wäre das die Versammlung der Klügsten. Nein, mehr: Es ist, durch den Terror hindurch, schon jetzt diese Versammlung...
...die bundesrepublik deutschland hat einen einzigen satz hervorgebracht. der satz ist in einem maße genial, daß aller protest zum gemeckere wird, alle beschimpfung zum lob. es ist der satz eines faschisten, der dann nicht mehr als faschist arbeitete, und der dazu gebracht werden sollte, sich zum faschismus zu äußern, dieser mann sprach einen einzigen satz, und als er diesen satz gesprochen hatte, war klar, daß es niemals eine erwiderung geben würde, keine antwort, keine silbe weit. der satz lautete: ich erinnere mich nicht...
...ein genie braucht immer eine weile, um zu begreifen, daß die anderen das nicht können, was es selber kann. ich staune jedesmal neu, wenn ich bemerke, daß jemand kein kommunist. der kommunismus liegt so auf der hand! aber vielleicht haben die anderen keine hand?
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