Offene Zweierbeziehung
"Ein Mann kann hässlich sein, dick, unförmig, faltig, was du willst: Aber er bleibt immer „männlich“. Für eine Frau ist eben alles schwieriger. Es sei denn, es gelingt ihr, sich eine Autonomie aufzubauen, einen genau umrissenen Kreis … "
(Franca Rame)

Die Übersetzerin Renate Chotjewitz-Häfner zu diesem Stück:
In einem seiner persönlichsten Stücke, das er wie viele andere gemeinsam mit seiner Frau Franca Rame verfasste, macht sich Dario Fo stark für die Rolle der Frau. Die italienischen Machos, die chauvinistische Gesellschaft und die daraus resultierende Politik werden entlarvt und ihrer Lächer­lichkeit überführt. Das skurrile Chaos der offenen Zweierbeziehung, deren Freiheiten selbstverständlich nur der Mann genießen darf, ist der ironischwitzige Auftakt des Stückes, in dem die Szenen einer Ehe geprägt sind von Selbstironie, aber auch von bitteren Einsichten. Und manches kommt einem bekannt vor, wenn Antonia langsam auflebt, während das Selbstwertgefühl ihres Mannes gleichzeitig schrumpft - besonders in jenem Augenblick, als er erfahren muss: Auch Antonia hat einen Geliebten, einen Professor, der Rockmusik macht ... Oder hat sie ihn erfunden, um sich zu rächen?
Die Offene Zweierbeziehung von Franca Rame und Dario Fo gehört seit ihrer Uraufführung 1985 zu den meistgespielten Komödien auf deutschen Bühnen. Von beiden gemeinsam verfasst, werden mit bitterbösem Humor etliche Streitmuster inszeniert und dabei einem kollektiven Phänomen der Zeitgeschichte - der Beziehungskiste – ein zynischer Spiegel vorgehalten.

Das Italienische kennt die coppia chiusa, das geschlossene, sprich feste Paar, dessen Gegenstück folglich das „offene Paar“ der sechziger Jahre ist. Meinem deutschen Titel fehlt leider der Wortwitz. Wörtlich übersetzt schufen nämlich Fo/Rame, das offenste Paar des italienischen Gegenwartstheaters, das „beinah sperrangelweit offene Paar“ – was sich auf den Kernsatz der Komödie bezieht. Zum Prinzip der offenen Zweierbeziehung gehört, dass sie nur nach einer Seite geöffnet sein darf, nämlich nach der des Mannes – sonst entsteht Durchzug.
Gezeigt wird das Abenteuer eines mittelalterlichen Ehepaars in der Krise, das die Frau im Rückblick erzählt. Der Mann, ein aufgeschlossener linker Gockel, versucht sie von den Vorteilen des Partner-wechsel-dich-Spiels zu überzeugen, wobei er sie gleichzeitig verantwortlich macht für sein Fremdgehen und seine Ausbruchsversuche und sie zur Schuldigen erklärt. Die Frau ihrerseits leidet, fühlt sich schuldig und ungeliebt, reagiert mit Selbstmorddrohungen auf seine Kränkungen, bis sie entdeckt, dass die lautstark propagierte, absolute Freiheit beider Partner graue Theorie ist, denn sie darf nur einseitig praktiziert werden. Kaum angelt sie selber sich einen neuen Supermann, geht ihrem offenen Partner die Luft aus. Die Moral des Stücks: Im Beziehungstriangel häufen sich Lügen und Leiden auf Kosten der Frau. Eine Gratwanderung zwischen Weinen und Lachen, den Zuschauern soll das Lachen im Hals stecken bleiben. (…)
Das Stück zeigt ein Spiel auf verschiedenen Spielebenen zwischen Fiktion, Vergangenheit, Realtät; pendelt zwischen blitzschnellem Wortwechsel und Schlagabtausch der Spielpartner sowie langen Erzählpassagen der Hauptperson, nämlich der Frau ans Publikum (womit sie ihr Privatleben öffentlich macht); bringt viel Aktion, von nicht vollendeten Fensterstürzen bis zum Partnerclinch beim Gerangel um eine Pistole. Die kunstvoll konstruierte Fabel stellt die Machtverhältnisse in der Ehe auf den Kopf, indem sie den Ehemann spiegelverkehrt dort enden lässt, wo die Frau im Stück anfängt: Er macht Schluß. (…)

Frage (an Franca Rame)
: Bei Diskussionen über politische Volkstheater wurde gesagt, die „Offene Zweierbeziehung“ markiere einen Rückzug ins Private, weg vom politischen Theater, weil ein „privates“ Thema abgehandelt werde.
Rame: Das ist falsch. Hier bei uns ging es in den Jahren des Aufbruchs zuerst um politische Veränderungen – bis man begriff, auch das Privatleben hat mit Politik zu tun. Da ist nicht dran zu rütteln: Das Private ist politisch! Deshalb ist dieses Stück, das die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau zur Diskussion stellt, ein politischer Text, weil dein Verhalten im täglichen Leben abhängt von der Ideologie in deinem Kopf, aber wie. Aus diesem Grund sage ich immer, wenn ich in meiner Vorrede die „Offene Zweierbeziehung“ ankündige, es bringt nichts, wenn einer sich vorbildlich engagiert bei Demonstrationen, bei Fabrikbesetzungen, wenn er Streikposten steht oder im Parteibüro aktiv ist. Wo du politisch stehst ist vielmehr ablesbar an deinen Beziehungen zu deiner Mutter, deiner Frau, deiner Tochter, deiner Schwester. Hier manifestiert sich die Ideologie, die du im Kopf hast! Ich kenne einen Haufen Männer, die hervorragende Politiker sind, echte Genossen, und sich zu Hause, in den eigenen vier Wänden schlimmer aufführen als der letzte bürgerliche Faschist. So sieht die Realität aus. Und deshalb ist jemand, der diesen Text als Spektakel, als bloße Unterhaltung begreift, ein Schwachkopf. Davon bin ich überzeugt. Wie dieser Mann in dem Stück sich verhält, ist wirklich faschistoid. So als ob einer ankommt und sagt: Ich mache, was ich will, ich bin ein guter Genosse, hab sämtliche wichtigen Schwarten intus, angefangen bei Lenin, aber im Privatleben benehme ich mich wie ein echter Scheißkerl – denn einer der seine Frau derart behandelt ist ein Scheißkerl. (…)

Dario Fo, um eine Stellungnahme gebeten, schlägt einen historischen Haken um das Thema.
Früher, sagt er, in der heuchlerischen Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts, hatte der Mann das Recht auf eine Geliebte, vorausgesetzt, er stellte sie nicht schamlos zur Schau. Das war ein Muß. Ja, einer, der keine Geliebte hatte, erregte das Misstrauen der anderen, als sei er abartig. In einer französischen Farce von Labiche liebt der Held seine Ehefrau und weigert sich, sie zu verraten. Aber die Gesellschaft lässt das nicht durchgehen. Um ihm zu helfen, ist seine Frau gezwungen, eine Freundin einzuweihen, die sie dazu überredet, sich als seine Geliebte auszugeben… Jede historische Epoche hat andere Methoden, und bringt die Verhaltensweisen hervor, die sie verdient. Die offene Zweierbeziehung ist eine Modeerscheinung, und noch dazu ungesund, sie produziert bloß Neurosen und Frustrationen bis hin zu somatischen Reaktionen. Nun, für die Penelopefrau gibt es, neben der Scheidung, eine weit verbreitete Alternative: Sie wartet geduldig auf Odysseus Heimkehr, breitet nach Jahren der Irrfahrt die Arme aus und lächelt mütterlich über seine Tränen der Reue …

Renate Chotjewitz-Häfner: Nachbemerkungen zu Franka Rame; in:
Franca Rame/Dario Fo, Offene Zweierbeziehung, Rotbuch Verlag, Berlin 1985

 
Vita Dario Fo
Verhaftung, 47 Prozesse, dutzende Festnahmen; 47 Komödien, hunderte Artikel, 65 Lieder, 82 Regiearbeiten in Theater, Film und Fernsehen und schlussendlich 1997 der Nobelpreis. Das sind nur einige Zahlen aus dem Leben des italienischen Schriftstellers und Regisseurs Dario Fo.
Fo wurde 1926 in San Giano am Lago Maggiore als Sohn eines Bahnhofsvorstehers, Amateurschauspielers und Sozialisten geboren. Zunächst studierte er in Mailand Kunst und Architektur, begeisterte sich aber schon frühzeitig für Volkstheater und Erzählkunst.
Dario Fos Familie war im antifaschistischen Widerstand aktiv. Er half seinem Vater, Flüchtlinge und Deserteure der Alliierten in die Schweiz zu schmuggeln und konnte sich selbst erfolgreich einer Rekrutierung durch die Truppen von Salo entziehen.
1952 hatte er sein Debüt als Schauspieler am Teatro Odeon in Mailand. Zwei Jahre später heiratet Fo Franca Rame, mit der er später die Theatergruppe Compagnia Fo-Rame gründet, deren Komödienaufführungen im In- und Ausland große Beachtung finden. Seinen internationalen Durchbruch erzielt er 1960 mit Gli arcangeli non giocano a flipper (Die Erzengel spielen nicht Flipper). 1962 übernimmt Fo die Moderation der Fernsehsendung Canzonissima, die jedoch nach zwei Jahren wegen ihres Skandalprogramms wieder abgesetzt wurde. Fo darf nicht mehr im italienischen Fernsehen auftreten.
Dario Fo, das „Enfant Terrible“ der italienischen Theaterszene, lässt keine Gelegenheit aus, sich mit dem Staat und seinen Institutionen und auch dem Vatikan anzulegen (die Vatikanzeitung l’Osservatore Romano zu Fos Nobelpreis: Nach so viel Verstand nun ein Hanswurst). Immer wieder wird er in Prozesse verwickelt, mehrmals sogar auf offener Bühne verhaftet.
Bereits 1976 wird Fo für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Im selben Jahr wird er in Deutschland mit dem Stück Bezahlt wird nicht zum ersten Mal aufgeführt. In den folgenden Jahren unternimmt er zusammen mit Franca Rame zahlreiche Tourneen, unter anderem nach Deutschland, Dänemark, Schweden und England. Lediglich in die USA wird ihm noch mehrere Jahre die Einreise verweigert. Erst 1986 erhält er auf persönliche Intervention des damaligen Präsident Reagan eine sechswöchige Aufenthaltserlaubnis. Inzwischen wird Fo in über 50 Ländern gespielt. Als ihm am 9. Oktober 1997 tatsächlich der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wird, reagiert Fo mit den Worten: Ich bin bestürzt. Obwohl inzwischen gesundheitlich angeschlagen engagiert sich Fo bis heute gegen Machtmissbrauch und für die Rechte Benachteiligter. Als er 2004 in seinem neuesten Werk mit der Idee spielt, das halbe Gehirn Putins dem italienische Premier Berlusconi einzupflanzen, will dieser die Aufführung verbieten lassen. Ein Journalist stellt darauf die Frage: Dario Fo gegen Silvio Berlusconi - der Kampf der Giganten? Der Autor kontert mit der Antwort: Ich würde es nüchtern ausdrücken: Wettstreit zweier Berufskomiker.
2006 kandidierte Dario Fo innerhalb eines Mitte-Links-Bündnisses zur Bürgermeisterwahl in Mailand. Er verlor bei den Vorwahlen, erhielt jedoch 23,4% der Stimmen.

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