Jazz und Lyrik im Efeuhof: Gottfried Benn zum Gedächtnis (1886-1956)
"Für den Lyriker ist das Wort eine körperliche Sache."
(Gottfried Benn)
Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld in Brandenburg geboren. Nach dem Medizin-studium arbeitete er in Berliner Krankenhäusern. In expressionistischer Lyrik und Novellen malte er anfangs, oft in grellen Bildern, eine von Krankheit und Verwesung gezeichnete Welt. Seine sprachkünstlerisch bedeutenden Spätgedichte sind Bekenntnis zu Form und Stil. Inmitten des Wertezerfalls behauptet sich der Geist; Sinngebung findet allein noch in der Kunst als letzter metaphysischer Tätigkeit statt. Gottfried Benn starb 1956 in Berlin an Krebs.
Ungefähr 1959/60 produzierte Radio Bremen mit Gert Westphal (1920-2002), dem König der Vorleser, unter der Leitung von Joachim- Ernst Behrendt (1933-2000), dem Jazz-Papst, die berühmte Audio- Kassette Jazz und Lyrik mit der Musik von Jay Jay Johnson, Kai Winding und Dave Bruback. Diese Kassette nahmen wir uns, was Auswahl der Gedichte und Musik betrifft, zum Vorbild für unsere Produktion. Wir ordneten und erweiterten die Auswahl, Schauspieler/innen übernahmen die Rezitationen, sie „singen“ die Gedichte dieses großen deutschen Lyrikers über eine untergehende Gesellschaft, die Liebe, die Vergänglichkeit und letzte Dinge zu Gehör.
Ein Leckerbissen für Benn- und Jazz-Freunde!!
Gottfried Benn, Astern
Astern - schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
Die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.
Noch einmal die goldenen Herden
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?
Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,
noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewißheit wacht:
die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.
