William Shakespeare: Die lustigen Weiber von Windsor
„Allein im ersten Akt der „Lustigen Weiber“ ist mehr Leben und Wirklichkeit als in der gesamten deutschen Literatur.“

(Friedrich Engels in einem Brief an Karl Marx)


Der rauf- und trinksüchtige Sir John Falstaff­ – ehemals Intimus des Kronprinzen umwirbt die Bürgersfrauen Ford und Page, allerdings mehr aus materiellen denn aus erotischen Motiven und schreibt ihnen identische Liebesbriefe. Doch die gewitzten Frauen haben ihn bald durchschaut. Sie beschließen sich zu rächen, laden Falstaff dreimal zu amourösen Rendezvous ein und führen ihn grässlich an der Nase herum. Das erste Mal muss sich Falstaff in einem Korb schmutziger Wäsche­ verstecken und wird in die Themse geworfen, das zweite Mal kann er sich vor dem eifersüchtigen Ehemann Ford nur in der Vermummung eines­ alten übelbeleumdeten Weibes retten und wird dennoch von Ford fürchterlich verprügelt. Für das dritte Mal wird Falstaff von den beiden Ehepaaren zum Stelldich ein in den Wald von Windsor gelockt, mit einem Hirschgeweih geziert und von verkleideten „Feen“ dem Spott preisgegeben.

Um die Verwirrungen und Verwicklungen komplett zu machen, fügt Shakespeare in die „Lustigen Weiber“ noch eine Parallelhandlung­ ein, in der sich Anne, die Tochter der Pages, von einem französischen Doktor, einem­ unscheinbaren Fabrikbesitzer und einem verarmten Adligen umworben sieht. Annes Eltern streiten sich darüber, wer ihre Tochter heiraten darf. So muss Anne ebenfalls zu einem Betrug greifen, bevor sie Fenton, den verarmten Adligen, den sie liebt, heiraten kann. Dazwischen­ mischen sich noch ein pensionierter Friedensrichter, ein walisischer Pfarrer und der benachbarte Gastwirt in den bunten Handlungs­reigen ein ...

Angesiedelt im Bürgermilieu, sind „Die lustigen Weiber von Windsor“ der englischen Komödientradition verbunden und bieten amüsante Einblicke in das Alltags­­leben ebenso wie in die ewigen Themen von Liebe,­ Eifersucht­ und ehelicher Treue. Neben­ zahlreichen Schauspielmusiken gibt es nicht weniger als zehn Opern. In den Fassungen von Giuseppe Verdi und Otto Nicolai sind „Die lustigen Weiber von Windsor“ die am häufigsten gespielten Opern nach dem berühmten­ Werk Shakespeares.
Entstehung

Am Schluss des zweiten Teils von ,,Heinrich IV.“ hatte William Shakespeare im Epilog versprochen ,,die Geschichte fortzusetzen mit Sir John Falstaff drinnen und der schönen Katharina von Frankreich“. Doch nur die zweite Hälfte des Versprechens hat er in ,,Heinrich V.“ wahr gemacht. In dem patriotischen­ Hymnus auf Englands Größe und seinen Helden­könig war kein Platz für den rauf- und trinksüchtigen Ritter, den einstigen Trinkkumpanen des Prinzen.
Das Publikum hatte aber auch an den derberen Späßen in den Falstaff-Szenen des zweiten Teils von ,,Heinrich IV.“ viel Gefallen gefunden und war enttäuscht, als seine Lieblingsfigur einfach hinter der Bühne abgetan wurde. Und wenn eine Anekdote auf Wahrheit beruht, die der Dramatiker John Dennis in der Vorrede zu seiner Bühnenbearbeitung der ,,Lustigen­ Weiber“, 1702, zuerst  erzählt, so war es die Königin Elisabeth selbst, die sich zum Organ der Enttäuschten machte und den Dichter an sein Versprechen erinnerte. ,,Dieses Lustspiel“, erzählt Dennis, ,,wurde auf Befehl der Königin geschrieben,­ und sie war so begierig es zu sehen, dass sie befahl,­ es in vierzehn Tagen fertigzumachen.“

Das Stück und seine Rezeption  „The Merry Wives of Windsor“ gehört­ zu den Dramen, deren Rezeptions­geschichte als Theaterstück und als Lektüre ganz unterschiedlich verlaufen ist. Auf der Bühne gehört es zu den populärsten­ Stücken. Es ist unverwüstlich, liefert einem breiten Publikum fast unangefochten vom jeweiligen Zeitgeschmack handfeste Unterhaltung und hat daher immer einen festen Platz im Repertoire gehabt (...). Shakespeare setzt in diesem Stück das gesamte Standardrepertoire komischer Situationen und Konstellationen ein, vom Duell zwischen zwei Feiglingen, die sich beide vor dem Kampf drücken wollen, über Verkleidung, Verstellung und Intrigen bis zu einfachen Stereotypen der Ausländer- und Dialektkomik. Das Stück erschöpft sich aber nicht in der Häufung komischer Effekte. Die Dauerhaftigkeit der Wirkung und die Resistenz gegen Veränderungen gehen auf eine selbst für Shakespeares Verhältnisse ungewöhnliche Qualität der Konstruktion zurück. Die Spielzüge folgen Schlag auf Schlag und entwickeln sich konsequent einer aus dem andern. Trotz der quirligen Geschäftigkeit auf der Bühne verliert der Zuschauer nicht den Überblick. Die Figuren werden so präsentiert, dass jede ihren­ Anteil an Sympathie erhält und niemand ausschließlich Überlister­ oder Opfer ist. Die viel­fältigen Figuren­konstellationen gruppieren sich um zwei personale Zentren. Das eine ist Falstaff inmitten seiner Kumpanei und der aus den lustigen Weibern und ihren Männern bestehenden Gruppe, das andere ist Anne mit ihren Freiern und den an ihrer Gattenwahl interessierten­ Personen. Die Handlungsstränge um Falstaff und Anne werden zunächst­ getrennt geführt und dann in der furiosen Schlussszene im Park unter Beteiligung der gesamten Bühnen­gesellschaft vereinigt.­ (...)´Auch wenn über die mit der Handlung­ zusammenhängenden allgemeinen Fragen nicht ausführlich diskutiert wird, so mangelt es dem Stück doch nicht an thematischem­ Gehalt. Das der Handlung inhärente und im Stück durchgespielte Hauptthema ist die Umkehrung der normalen und normativen­ Verhältnisse: Die jüngere­ Generation­ setzt ihren Willen gegen den der Eltern durch; Bürgersleut­e überlisten einen Herrn von Adel; nicht die Männer, sondern die Frauen haben die Oberhand; sie sind listiger, lustiger und halten besser zusammen; sie sind auch vernünftiger und emotional stabiler. (...) ?

(Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2001, S. 105-110)


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