Kampf der metapher!
[...] "Deutsche Welt, die in Worten lebt, von denen jedes, falsch gebildet, an allem Heutigen in phantastischer Weise vorbeigreift, gilt es vom Keller aus neu aufzubauen. Das heißt: nicht mit des Zeitgenossen Sprache macht er sich über dessen Unarten und Allzumenschliches lustig, sondern gibt aus der Notwendigkeit der Stunde allem Wort neuen heutigen Sinn, daß der Mensch, Kaufmann, Journalist und Soldat, der es noch in alter Weise weiterspricht, auf einmal unerhört altmodisch und komisch ist, man ihn überholt und im Bratenrock von anno dazumal sieht. Daß er und seine Moral, Ideale, Urteile und hehrsten Ziele wie in Anführungsstrichen daherkommen. Sie überhaupt noch zu begreifen, nimmt man sie bilderbogenhaft historisch."
(aus: Carl Sternheim: Gesamtwerk 6. Hrsg. v. Wilhelm Emrich. S. 34f.)
Die Hose – Vom Theaterskandal zum Erfolgsstück
Kaum aussprechen durfte man zur wilhelminischen Kaiserzeit den Namen jenes Kleidungsstückes, das dem bürgerlichen „Lustspiel“ von Carl Sternheim den Namen gab: Hose. Gemeint war natürlich nicht das konventionelle Beinkleid des Mannes, sondern das, was die Frau „drunter“ trug. So wurde das 1911 in Berlin uraufgeführte Stück ein echter Skandal, aber auch gerade deshalb ein großer Erfolg. Allerdings wurde das Stück zunächst erst einmal aus „Gründen der Sittlichkeit“ verboten.
Seitdem hat Sternheims bürgerliches Lustspiel Theatergeschichte geschrieben und es hat bis heute nichts von seinem eigentlichen, bissigen Ansinnen verloren: nämlich den verborgenen Gelüsten von Spießern und Moralaposteln einen satirischen Spiegel vorzuhalten.
Der Held in Sternheims „Hose“ ist Theobald Maske, ein Spießer par excellence. Maske ist zugleich die Hauptfigur des satirischen Zyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“, eine Trilogie, die aus den Stücken „Die Hose“, „Der Snob“ und „1913“ besteht. Hier wird der Aufstieg des kleinen, tyrannischen Beamten in die Kreise der Aristokratie beschrieben und die Engstirnigkeit und Verbohrtheit des „bürgerlichen Helden“ satirisch aufs Korn genommen.
Der „Aufstieg“ des Kleinbürgers beginnt mit dem Verlust der Unterhose seiner Frau. Ausgerechnet bei einer Parade verliert Luise Maske das unaussprechliche Beinkleid. Welch ein Skandal in der prüden wilhelminischen Welt! Der Ehemann, zunächst empört über den faux pas seiner Frau – allerdings mehr aus Angst, Ansehen und seine Stellung zu verlieren als aus moralischen Gründen – wittert allerdings recht schnell ein lukratives Geschäft. Zwei Augenzeugen, die seiner Frau seit dem Vorfall lüstern nachstellen, vermietet er kurzerhand ein Zimmer. Der Schriftsteller Scarron (ein glühender Nietzsche-Verehrer) und der Friseurgehilfe Mandelstam (ein großer Wagner-Fan) ihrerseits hoffen auf ein Abenteuer mit Luise. Diese lässt sich zumindest von Scarron auch recht gern umschwärmen, den jedoch im entscheidenden Moment der Mut verlässt. Statt einem Tete-à-tete mit der Hausherrin stürzt sich der selbstgefällige Schwadroneur in seine „Dichtung“. Theobald vergnügt sich in der Zwischenzeit mit der Nachbarin, dem kupplerischen Fräulein Deuter und verkündet am Ende heroisch und mit neu gestärkter Manneskraft: „Nun will ich aber auch mit meinem großen Geheimnis heraus: Jetzt kann ich es, dir ein Kind zu machen, verantworten.“
Carl Sternheim: Vorwort zum Stück „Die Hose“ anlässlich der Herausgabe seines Gesamtwerkes (1918)
Als ich neunzehnhundertundacht ein bürgerliches Lustspiel veröffentlichte, kannte die deutsche Bühne nach Gerhart Hauptmanns Naturalismus nur die Maskerade vom alten Fabelkönig, der jungen Königin, dem famosen Pagen, die unter mannigfaltigen Verkleidungen neuromantisch auftraten; reich kostümiert von Wirklichkeit fort Glanz sprachen, Erhabenheit handelten. In meinem Stück verlor ein Bürgerweib die Hose, von nichts als der banalen Sache sprach in kahlem Deutsch man auf der Szene.
Ob solcher Einfalt fällte Welt das Urteil: wie war das Dichtung? Eine bürgerliche Hose und fünf Spießer, die von ihr räsonierten? Wo blieb gewohnter Glanz(ersatz) wo (Pseudo)Naturalismus? In einer Sprache redeten dazu von der Albernheit die Leute, die in keinem Buch, keiner Zeitung stand, und die kein besserer Bekannter sprach. Der Autor, offenbarer Absicht, ließ der Komödie eine Anzahl anderer folgen, die der ersten wesentlich Neues nicht hinzufügten. Von durchschnittlichen Dingen sprach man weiter, behandelte Beiläufiges mit Emsigkeit und einem Nachdruck, der vorher nicht an bürgerliche Welt gewandt war. Doch diese Welt, die in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen mochte, anderen der Verantwortung Ehre und Bürde überließ, blieb, als sie eines neugierigen Auges Scheinwerfer auf sich gerichtet sah, verwirrt und wie ertappt: schrie aus vollem Hals den Friedensstörer an, und die ergebene Presse des Iuste milieu zog blank. Um neunzehnhundertundzehn las man in allen Feuilletons: Derartige Herzlosigkeiten verbitte man sich! Erlaubt sei von zurückgebliebenen Edelleuten und modernen Proletariern (als nicht „zur Welt“ gehörig) Darstellung. Der Bürger aber – da war hinter einem Wall verabredeter Ideologien, Gaswolken von Apotheosen, Schützengräben von Metaphern, des Geschäfts der Tratten und des Verrechnungsschecks riskierte Wirklichkeit.
Sieben Komödien schrieb ich von 1908 bis 1913. Die letzte, die des Vorkriegsjahres Namen trägt, zeigte, wohin in aller Einfalt des Bürgers Handel gediehen war. Vom Dichter gab es nichts, nur noch von Wirklichkeit hinzuzusetzen. Trotz vielfach öffentlicher Darstellung und Verbreitung durch Druck hatte niemand gemerkt, wohin mit meinem Werk mein Wille ging. Der einzige Franz Blei drohte durch unbeherrschtes Entzücken größere Aufmerksamkeit gegen mich zu entfesseln, ehe die Zeit vom Bürger gleiche Leistung wollte, die ich ihn literarisch ab neunzehnhundertundacht in seinen stärksten Repräsentanten vollbringen ließ. In des „bürgerlichen Heldenlebens“ sämtlichen- Komödien ist wie in allen Erzählungen, die ihm folgten, und die als „Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn“ vorliegen, mit des Helden Einschluß alles Bürgertum der eigenen gehätschelten Ideologie inkommensurabel, vor der Vielzuvielen Hintergrund des jeweiligen Werkes Hauptfigur aber ein zu sich und ihm ursprünglichen Kräften gegen gesellschaftlichen Widerstand leidenschaftlich heldisch Gewillter. Durch klischierte, von den offiziellen Dichtern bis in die neueste Zeit besungene Bilderbuchtugenden ragt er nicht hervor, doch bringt er statt seiner Umgebung pastos gemalter, spießbürgerlicher Vermoderung aus eigenen Quellen fanatische Besessenheit zu eigenen Zielen mit. Schippel, Maske in dreifachem Aufguß doch auch Meta und Busekow sind nicht mehr wahnverwirrte, doch schon zur Wirklichkeit geweckte Deutsche, die ob ihrer eigentümlichen Art, Welt anzupacken, das allgemeine Erstaunen ihrer Landsleute weckten. Nicht Ironie und Satire also, die als meine Absicht der Reporter lügnerisch festgestellt hatte und Menge nachschwatzte, doch vor allgemeiner Tat aus meinen Schriften schon die Lehre: daß Kraft sich nicht verliert, muß der Mensch auf keinen überkommenen Rundgesang doch seinen frischen Einzelton hören, ganz unbesorgt darum, wie Bürgersinn seine manchmal brutale Nuance nennt. Einmaliger unvergleichlicher Natur zu leben, riet ich dem Lebendigen, damit keine Ziffer, doch Schwung zu ihrer Unabhängigkeit entschlossener Individuen die Gemeinschaft bedeute, mit dem allein aus der Nation und Menschheit ein Ziel erreichbar ist. Seit dem Augenblick besonders, da ich diese meine einzige Absicht durch einen Aufruf verkündete, organisiert aus meiner fühlbaren Wirkung sich Widerstand. Nicht erstaunlich ist es, die Gegner finden sich besonders unter den jüngsten Schreibenden, da unsere Jugend die eigene Zukunft selten geistigem Anschluß doch tragendem Angriff vertraut. So wimmelt Buch und Presse aus ihrer Feder vom unwiderstehlichen Bedürfnis nach Menschlichkeit, dem Bekenntnis des zum Nächsten orientierten Dämons in jeder- Brust. Vom großen, liebesbestimmten Akt, mit dem die Welt vor allem anderen schwanger ist.
Der sicher einmal kommende Friede muß ihnen Erfolg und Zutrauen zu ihnen bei den Massen der Gebildeten stärken.
(La Hulpe 1918 Carl Sternheim)
Der Autor: Carl Sternheim
Sternheim wurde am 1. April 1878 als Sohn eines jüdischen Bankiers und Zeitungsverlegers in Leipzig geboren. Er wuchs in Hannover und Berlin auf und machte 1897 das Abitur. Bis 1902 studierte er Rechts- und Staatswissenschaft, Philosophie sowie Literatur- und Kunstgeschichte u. a. in München, Göttingen und Jena. Allerdings konnte er in keinem der Fächer einen Universitätsabschluss ablegen.
1900 heiratete Sternheim seine erste Frau Eugenie Hauth und zog 1903 nach Weimar. Dort machte er seine ersten „Gehversuche“ als freier Schriftsteller. Drei Jahre später verließ er Weimar wieder und ließ sich in München nieder. Seine erste Ehe hielt allerdings nicht lange. Nach seiner Scheidung heiratete Sternheim 1907 die reiche Fabrikantentochter Thea Bauer. Diese Verbindung ermöglichte ihm ein großzügiges Leben und den Aufstieg in die „bessere Gesellschaft“. Thea, mit der er zwei Kinder hatte, steuerte auch das Vermögen zum Bau des Schlosses Bellemaison in einem Park bei München bei.
Das neue Domizil wurde zum Treffpunkt von Künstlern und Schriftstellern wie Mechthilde Lichnowsky, Max Reinhardt und Frank Wedekind. Das Paar baute in dieser Zeit eine Kunstsammlung auf, in der sich auch Werke von Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Pablo Picasso oder Henri Matisse befanden. Ab dem Jahr 1908 war Carl Sternheim neben Franz Blei für ein Jahr lang in München Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Hyperion“. Sternheim machte die Bekanntschaft des Verlegers Franz Pfemfert und damit auch mit bedeutenden Vertretern des Expressionismus, Carl Einstein und Gottfried Benn.
Aus den expressionistischen Werken holte er sich die Anregungen, aus denen sich später sein eigener bissig-satirischer Schreibstil entwickelte. Zeitweise veröffentlichte Sternheim ironische Beiträge in Pfemferts Zeitschrift „Die Aktion“. 1912 siedelte er nach Brüssel über. Bis zum Jahr 1918 wurden viele seiner Stücke, allen voran „Die Hose“, mit der Begründung der „Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit“ zensiert. Seine „Abrechnung“ mit der verlogenen Moral der Wilhelminischen Ära und vor allem mit der bürgerlichen Gesellschaft der Zeit ging vielen zu weit.
Nach der Zensur seiner Stücke widmete er sich verstärkt der Bearbeitung fremder Werke für das Theater, beispielsweise von Friedrich Maximilian Klinger, Denis Diderot oder Molière. Außerdem schrieb er nun verstärkt Erzählungen, z. B. „Europa“ von 1919/1920. 1915 hatte er den mit dem Theodor-Fontane-Preis verbundenen Geldbetrag an den damals noch weitgehend unbekannten Franz Kafka weitergegeben.
Bereits während der Kriegsjahre litt Sternheim an einem Nervenleiden und musste sich bei Oskar Kohnstamm in ärztliche Behandlung begeben. 1918 änderte er erneut seinen Wohnsitz und lebte in St. Moritz und Uttwil in der Schweiz. 1927 wurde auch Sternheims zweite Ehe geschieden. Drei Jahre später heiratete er die Tochter von Frank Wedekind, Pamela Wedekind, von der er sich im Jahr 1934 ebenfalls wieder scheiden ließ.
Im Jahr 1933, im Jahr der Macht-über-nahme- durch die Nationalsozialisten, wurden Sternheims Werke verboten. 1935 ging er mit seiner Geliebten Henriette Carbonara ins Exil, zurück nach Belgien, wo er 1936 seine Memoiren unter dem Titel „Vorkriegseuropa im Gleichnis meines Lebens“ veröffentlichte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren der Schriftsteller Carl Sternheim und seine Werke so gut wie vergessen. Erst in den 1960er Jahren wurden seine Stücke an den deutschen Theatern wiederentdeckt. Nach jahrelangen nervlichen und psychischen Leiden starb er am 3. November 1942 im besetzten Brüssel an den Folgen einer Lungenentzündung.
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[...] "Deutsche Welt, die in Worten lebt, von denen jedes, falsch gebildet, an allem Heutigen in phantastischer Weise vorbeigreift, gilt es vom Keller aus neu aufzubauen. Das heißt: nicht mit des Zeitgenossen Sprache macht er sich über dessen Unarten und Allzumenschliches lustig, sondern gibt aus der Notwendigkeit der Stunde allem Wort neuen heutigen Sinn, daß der Mensch, Kaufmann, Journalist und Soldat, der es noch in alter Weise weiterspricht, auf einmal unerhört altmodisch und komisch ist, man ihn überholt und im Bratenrock von anno dazumal sieht. Daß er und seine Moral, Ideale, Urteile und hehrsten Ziele wie in Anführungsstrichen daherkommen. Sie überhaupt noch zu begreifen, nimmt man sie bilderbogenhaft historisch."
(aus: Carl Sternheim: Gesamtwerk 6. Hrsg. v. Wilhelm Emrich. S. 34f.)
Die Hose – Vom Theaterskandal zum Erfolgsstück
Kaum aussprechen durfte man zur wilhelminischen Kaiserzeit den Namen jenes Kleidungsstückes, das dem bürgerlichen „Lustspiel“ von Carl Sternheim den Namen gab: Hose. Gemeint war natürlich nicht das konventionelle Beinkleid des Mannes, sondern das, was die Frau „drunter“ trug. So wurde das 1911 in Berlin uraufgeführte Stück ein echter Skandal, aber auch gerade deshalb ein großer Erfolg. Allerdings wurde das Stück zunächst erst einmal aus „Gründen der Sittlichkeit“ verboten.
Seitdem hat Sternheims bürgerliches Lustspiel Theatergeschichte geschrieben und es hat bis heute nichts von seinem eigentlichen, bissigen Ansinnen verloren: nämlich den verborgenen Gelüsten von Spießern und Moralaposteln einen satirischen Spiegel vorzuhalten.
Der Held in Sternheims „Hose“ ist Theobald Maske, ein Spießer par excellence. Maske ist zugleich die Hauptfigur des satirischen Zyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“, eine Trilogie, die aus den Stücken „Die Hose“, „Der Snob“ und „1913“ besteht. Hier wird der Aufstieg des kleinen, tyrannischen Beamten in die Kreise der Aristokratie beschrieben und die Engstirnigkeit und Verbohrtheit des „bürgerlichen Helden“ satirisch aufs Korn genommen.
Der „Aufstieg“ des Kleinbürgers beginnt mit dem Verlust der Unterhose seiner Frau. Ausgerechnet bei einer Parade verliert Luise Maske das unaussprechliche Beinkleid. Welch ein Skandal in der prüden wilhelminischen Welt! Der Ehemann, zunächst empört über den faux pas seiner Frau – allerdings mehr aus Angst, Ansehen und seine Stellung zu verlieren als aus moralischen Gründen – wittert allerdings recht schnell ein lukratives Geschäft. Zwei Augenzeugen, die seiner Frau seit dem Vorfall lüstern nachstellen, vermietet er kurzerhand ein Zimmer. Der Schriftsteller Scarron (ein glühender Nietzsche-Verehrer) und der Friseurgehilfe Mandelstam (ein großer Wagner-Fan) ihrerseits hoffen auf ein Abenteuer mit Luise. Diese lässt sich zumindest von Scarron auch recht gern umschwärmen, den jedoch im entscheidenden Moment der Mut verlässt. Statt einem Tete-à-tete mit der Hausherrin stürzt sich der selbstgefällige Schwadroneur in seine „Dichtung“. Theobald vergnügt sich in der Zwischenzeit mit der Nachbarin, dem kupplerischen Fräulein Deuter und verkündet am Ende heroisch und mit neu gestärkter Manneskraft: „Nun will ich aber auch mit meinem großen Geheimnis heraus: Jetzt kann ich es, dir ein Kind zu machen, verantworten.“
Carl Sternheim: Vorwort zum Stück „Die Hose“ anlässlich der Herausgabe seines Gesamtwerkes (1918)
Als ich neunzehnhundertundacht ein bürgerliches Lustspiel veröffentlichte, kannte die deutsche Bühne nach Gerhart Hauptmanns Naturalismus nur die Maskerade vom alten Fabelkönig, der jungen Königin, dem famosen Pagen, die unter mannigfaltigen Verkleidungen neuromantisch auftraten; reich kostümiert von Wirklichkeit fort Glanz sprachen, Erhabenheit handelten. In meinem Stück verlor ein Bürgerweib die Hose, von nichts als der banalen Sache sprach in kahlem Deutsch man auf der Szene.
Ob solcher Einfalt fällte Welt das Urteil: wie war das Dichtung? Eine bürgerliche Hose und fünf Spießer, die von ihr räsonierten? Wo blieb gewohnter Glanz(ersatz) wo (Pseudo)Naturalismus? In einer Sprache redeten dazu von der Albernheit die Leute, die in keinem Buch, keiner Zeitung stand, und die kein besserer Bekannter sprach. Der Autor, offenbarer Absicht, ließ der Komödie eine Anzahl anderer folgen, die der ersten wesentlich Neues nicht hinzufügten. Von durchschnittlichen Dingen sprach man weiter, behandelte Beiläufiges mit Emsigkeit und einem Nachdruck, der vorher nicht an bürgerliche Welt gewandt war. Doch diese Welt, die in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen mochte, anderen der Verantwortung Ehre und Bürde überließ, blieb, als sie eines neugierigen Auges Scheinwerfer auf sich gerichtet sah, verwirrt und wie ertappt: schrie aus vollem Hals den Friedensstörer an, und die ergebene Presse des Iuste milieu zog blank. Um neunzehnhundertundzehn las man in allen Feuilletons: Derartige Herzlosigkeiten verbitte man sich! Erlaubt sei von zurückgebliebenen Edelleuten und modernen Proletariern (als nicht „zur Welt“ gehörig) Darstellung. Der Bürger aber – da war hinter einem Wall verabredeter Ideologien, Gaswolken von Apotheosen, Schützengräben von Metaphern, des Geschäfts der Tratten und des Verrechnungsschecks riskierte Wirklichkeit.
Sieben Komödien schrieb ich von 1908 bis 1913. Die letzte, die des Vorkriegsjahres Namen trägt, zeigte, wohin in aller Einfalt des Bürgers Handel gediehen war. Vom Dichter gab es nichts, nur noch von Wirklichkeit hinzuzusetzen. Trotz vielfach öffentlicher Darstellung und Verbreitung durch Druck hatte niemand gemerkt, wohin mit meinem Werk mein Wille ging. Der einzige Franz Blei drohte durch unbeherrschtes Entzücken größere Aufmerksamkeit gegen mich zu entfesseln, ehe die Zeit vom Bürger gleiche Leistung wollte, die ich ihn literarisch ab neunzehnhundertundacht in seinen stärksten Repräsentanten vollbringen ließ. In des „bürgerlichen Heldenlebens“ sämtlichen- Komödien ist wie in allen Erzählungen, die ihm folgten, und die als „Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn“ vorliegen, mit des Helden Einschluß alles Bürgertum der eigenen gehätschelten Ideologie inkommensurabel, vor der Vielzuvielen Hintergrund des jeweiligen Werkes Hauptfigur aber ein zu sich und ihm ursprünglichen Kräften gegen gesellschaftlichen Widerstand leidenschaftlich heldisch Gewillter. Durch klischierte, von den offiziellen Dichtern bis in die neueste Zeit besungene Bilderbuchtugenden ragt er nicht hervor, doch bringt er statt seiner Umgebung pastos gemalter, spießbürgerlicher Vermoderung aus eigenen Quellen fanatische Besessenheit zu eigenen Zielen mit. Schippel, Maske in dreifachem Aufguß doch auch Meta und Busekow sind nicht mehr wahnverwirrte, doch schon zur Wirklichkeit geweckte Deutsche, die ob ihrer eigentümlichen Art, Welt anzupacken, das allgemeine Erstaunen ihrer Landsleute weckten. Nicht Ironie und Satire also, die als meine Absicht der Reporter lügnerisch festgestellt hatte und Menge nachschwatzte, doch vor allgemeiner Tat aus meinen Schriften schon die Lehre: daß Kraft sich nicht verliert, muß der Mensch auf keinen überkommenen Rundgesang doch seinen frischen Einzelton hören, ganz unbesorgt darum, wie Bürgersinn seine manchmal brutale Nuance nennt. Einmaliger unvergleichlicher Natur zu leben, riet ich dem Lebendigen, damit keine Ziffer, doch Schwung zu ihrer Unabhängigkeit entschlossener Individuen die Gemeinschaft bedeute, mit dem allein aus der Nation und Menschheit ein Ziel erreichbar ist. Seit dem Augenblick besonders, da ich diese meine einzige Absicht durch einen Aufruf verkündete, organisiert aus meiner fühlbaren Wirkung sich Widerstand. Nicht erstaunlich ist es, die Gegner finden sich besonders unter den jüngsten Schreibenden, da unsere Jugend die eigene Zukunft selten geistigem Anschluß doch tragendem Angriff vertraut. So wimmelt Buch und Presse aus ihrer Feder vom unwiderstehlichen Bedürfnis nach Menschlichkeit, dem Bekenntnis des zum Nächsten orientierten Dämons in jeder- Brust. Vom großen, liebesbestimmten Akt, mit dem die Welt vor allem anderen schwanger ist.
Der sicher einmal kommende Friede muß ihnen Erfolg und Zutrauen zu ihnen bei den Massen der Gebildeten stärken.
(La Hulpe 1918 Carl Sternheim)
Der Autor: Carl Sternheim
Sternheim wurde am 1. April 1878 als Sohn eines jüdischen Bankiers und Zeitungsverlegers in Leipzig geboren. Er wuchs in Hannover und Berlin auf und machte 1897 das Abitur. Bis 1902 studierte er Rechts- und Staatswissenschaft, Philosophie sowie Literatur- und Kunstgeschichte u. a. in München, Göttingen und Jena. Allerdings konnte er in keinem der Fächer einen Universitätsabschluss ablegen.
1900 heiratete Sternheim seine erste Frau Eugenie Hauth und zog 1903 nach Weimar. Dort machte er seine ersten „Gehversuche“ als freier Schriftsteller. Drei Jahre später verließ er Weimar wieder und ließ sich in München nieder. Seine erste Ehe hielt allerdings nicht lange. Nach seiner Scheidung heiratete Sternheim 1907 die reiche Fabrikantentochter Thea Bauer. Diese Verbindung ermöglichte ihm ein großzügiges Leben und den Aufstieg in die „bessere Gesellschaft“. Thea, mit der er zwei Kinder hatte, steuerte auch das Vermögen zum Bau des Schlosses Bellemaison in einem Park bei München bei.
Das neue Domizil wurde zum Treffpunkt von Künstlern und Schriftstellern wie Mechthilde Lichnowsky, Max Reinhardt und Frank Wedekind. Das Paar baute in dieser Zeit eine Kunstsammlung auf, in der sich auch Werke von Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Pablo Picasso oder Henri Matisse befanden. Ab dem Jahr 1908 war Carl Sternheim neben Franz Blei für ein Jahr lang in München Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Hyperion“. Sternheim machte die Bekanntschaft des Verlegers Franz Pfemfert und damit auch mit bedeutenden Vertretern des Expressionismus, Carl Einstein und Gottfried Benn.
Aus den expressionistischen Werken holte er sich die Anregungen, aus denen sich später sein eigener bissig-satirischer Schreibstil entwickelte. Zeitweise veröffentlichte Sternheim ironische Beiträge in Pfemferts Zeitschrift „Die Aktion“. 1912 siedelte er nach Brüssel über. Bis zum Jahr 1918 wurden viele seiner Stücke, allen voran „Die Hose“, mit der Begründung der „Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit“ zensiert. Seine „Abrechnung“ mit der verlogenen Moral der Wilhelminischen Ära und vor allem mit der bürgerlichen Gesellschaft der Zeit ging vielen zu weit.
Nach der Zensur seiner Stücke widmete er sich verstärkt der Bearbeitung fremder Werke für das Theater, beispielsweise von Friedrich Maximilian Klinger, Denis Diderot oder Molière. Außerdem schrieb er nun verstärkt Erzählungen, z. B. „Europa“ von 1919/1920. 1915 hatte er den mit dem Theodor-Fontane-Preis verbundenen Geldbetrag an den damals noch weitgehend unbekannten Franz Kafka weitergegeben.
Bereits während der Kriegsjahre litt Sternheim an einem Nervenleiden und musste sich bei Oskar Kohnstamm in ärztliche Behandlung begeben. 1918 änderte er erneut seinen Wohnsitz und lebte in St. Moritz und Uttwil in der Schweiz. 1927 wurde auch Sternheims zweite Ehe geschieden. Drei Jahre später heiratete er die Tochter von Frank Wedekind, Pamela Wedekind, von der er sich im Jahr 1934 ebenfalls wieder scheiden ließ.
Im Jahr 1933, im Jahr der Macht-über-nahme- durch die Nationalsozialisten, wurden Sternheims Werke verboten. 1935 ging er mit seiner Geliebten Henriette Carbonara ins Exil, zurück nach Belgien, wo er 1936 seine Memoiren unter dem Titel „Vorkriegseuropa im Gleichnis meines Lebens“ veröffentlichte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren der Schriftsteller Carl Sternheim und seine Werke so gut wie vergessen. Erst in den 1960er Jahren wurden seine Stücke an den deutschen Theatern wiederentdeckt. Nach jahrelangen nervlichen und psychischen Leiden starb er am 3. November 1942 im besetzten Brüssel an den Folgen einer Lungenentzündung.
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