Pressespiegel


Komödie:
Dario Fo. Offene Zweierbeziehung
Main-Post vom 2. Februar 2011

Kampf der Geschlechter im Ring

Kurzweilige Inszenierung von Dario Fos Komödie "Offene Zweierbeziehung"
in der Werkstattbühne

Wie bei einem echten Boxkampf betreten die zwei Kämpfer, ein namenloser Ehemann und seine Ehefrau Antonia, den Ring im Bademantel. Sie entspannen sich erst einmal, dehnen und strecken sich, machen sich locker und stimmen sich ein auf einen nicht nur verbalen Schlagabtausch.

Der Boxkampf dient Regisseurin Cornelia Wagner als Sinnbild für den Kampf der Geschlechter. Deshalb blicken die Besucher ihrer durch Gong-Schläge handlich portionierten, kurzweiligen Inszenierung der Komödie "Offene Zweierbeziehung" von Literaturnobelpreisträger Dario Fo von allen Seiten auf einen Boxring in der Mitte der Würzburger Werkstattbühne - gebaut von Bühnenbildnerin Deborah Kötting.

Der Schlagabtausch, den sich die beiden Kämpfer in diesem Boxringliefern, hat es auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Uraufführung noch gehörig in sich. Denn auch wenn in der sozialen Wirklichkeit die "offene" Zweierbeziehung inzwischen durch die "geschlossene" abgelöst ist, sind die im Text verhandelten Phänomene unverändert aktuell: die bis hin zum Chauvinismus reichendende gesellschaftliche Vormacht der Männer, das mangelnde Selbstbewusstsein der Frauen und die ironisch-witzigen Spannungen, die sich aus diesem ungleichen Machtverhältnis im alltäglichen Zusammenleben ergeben.

Joachim Vogt und Dagmar Schmauß sind die ideal besetzten Kontrahenten in einem explosiven Dreieck von Liebeshändeln zwischen Seitensprung, Eifersucht und Selbstmorddrohung. Was sich für die Spießer nicht nur italienischer sondern aller Couleur als quasi selbstverständliches Naturgesetz zeigt - das Recht zu außerehelichen sexuellen Beziehungen - kehrt sich im zweiten Teil ins Gegenteil. Denn als Antonia dasselbe, von ihr zuerst abgelehnte Recht für sich in Anspruch nimmt - was Dagmar Schmauß in geradezu genüsslicher Selbstverständlichkeit zelebriert - verliert ihr Mann nicht nur jegliches Selbstwertgefühl, sondern jegliche emotionale und rationale Orientierung.

Als er plötzlich die Kehrseite der von ihm propagierten Freiheiten im eigenen Erleben durchleiden muss, wird ihm die groteske Widersprüchlichkeit seines Machotums schnell klar. Und doch gibt er sich schnell wieder der Hoffnung hin, Antonias Geliebter und seine Eigenschaften seien so idealisiert, dass er nur eine Erfindung sein könne. Bis jener mit dem fetten Sound krachender Rock-Riffs leibhaftig vor der Türe steht - und die Welt der Illusionen und Selbsttäuschungen endgültig in ihre Einzelteile zertrümmert.

Ob und was sich aus diesen Splittern neu zusammenfügt, lässt das Stück genauso offen wie die Inszenierung. Aber vielleicht sind die geschlossenen Zweierbeziehungen des 21. Jahrhunderts so glücklich in sich ruhend, dass sie längst immunisiert sind gegen die Art von Anfechtungen, wie sie Dario Fo 1986 thematisiert hat.


VON: MANFRED KUNZ


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