Pressespiegel


Schauspiel:
Marius von Mayenburg: Feuergesicht
Main-Post vom 17. Juli 2011

Von der Unmöglichkeit zu erziehen 

Premiere für Marius von Mayenburg "Feuergesicht" in der Würzburger Werkstattbühne


Die Suche nach dem eigenen Ich und dessen Verortung im sozialen Raum ist neben dem körperlichen Reifeprozess ein zentrales Merkmal der Pubertät. Diese schwierige und konfliktreiche Konfrontation der Heranwachsenden mit der Welt der Eltern und Erwachsenen thematisiert Marius von Mayenburg in seinem preisgekrönten Stück "Feuergesicht". In über 90 Kurz- und Kürzestszenen entwirft er am Bespiel des Geschwisterpaares Kurt und Olga eine modellhafte Parabel: hin- und hergerissen zwischen Faszination und Schrecken werden die Zuschauer Augenzeugen eines Geschehens, das mit geradezu zwangsläufiger und unumkehrbarer Konsequenz in die Katastrophe führt.

In Thomas Lazarus Inszenierung für die Würzburger Werkstattbühne gibt Florian Waidmann den Kurt, das titelgebende "Feuergesicht". Sein Spiel ist genauso famos, wie das von Christina Strobel in der Rolle seiner Schwester Olga - zwei außergewöhnliche Bühnentalente, die mit ihrer gleichermaßen jugendlich-dynamischen wie souveränen Bühnenpräsenz ganz wesentlich zum großen Erfolg des Abends beitragen.

Dagmar Schmauß und Uwe Bergfelder sind das hilflose und überforderte Elternpaar, das sich vergeblich bemüht, mit den Heranwachsenden ins Gespräch zu kommen. Doch die plumpe Einladung der Mutter an die Tochter zum "(Aufklärungs-) Gespräch unter Frauen" ist genauso zum Scheitern verurteilt, wie die Aufforderung des Vaters an den Sohn, gemeinsam Fußball zu spielen. Solche, in ihren Konventionen und Klischees erstarrten Alten, sind für die suchenden Jugendlichen "schon tot".

Und weil sie nicht so wie "die da" werden wollen und auch Olgas Beziehung zu ihrem Freund Paul (Dennis Meinert) ihre Erwartungen enttäuscht, ziehen sich die Geschwister auf ihrer Suche nach Nähe und Anerkennung immer mehr aus der sozialen Welt zurück - und richten sich in einer eigenen ein: Der kalten Welt spießigen Bürgertums setzen sie, inspiriert von Lektüre des griechischen Philosophen Heraklit, die Lebendigkeit des Feuers entgegen.

Und was als spielerisches Zündeln hinter der Garage beginnt, steigert sich zu einer Serie nächtlicher Brandstiftungen in Häusern und Fabriken, um in einer finalen Feuersbrunst alles zu verschlingen.

Stück und Inszenierung verweigern jede Erklärung, nirgends gibt es eine Chance, die wie mechanisch ablaufende, in hohem Maße stilisierte Handlung aufzuhalten. Irritiert blickt des Premierenpublikum in einen Spiegel eigener erzieherischer Unzulänglichkeiten und verfolgt gebannt deren fatale Folgen: Ein faszinierender Theaterabend, dem sich (pubertierende) Jugendliche und ihre Eltern oder Lehrer am besten gemeinsam aussetzen sollten.

Weitere Vorstellungen jeweils Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag bis zum 30. Juli und vom 17. September bis 29. Oktober. Karten-Tel. (09 31) 5 94 00.

VON: MANFRED KUNZ


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