Pressespiegel



Heinrich von Kleist:
Amphitryon (Wiederaufnahme)

Main-Post vom 7. Juli 2008

Heiter und tiefsinnig

„Amphitryon“ von Heinrich von Kleist begeistert in der Werkstattbühne

„Wer bin ich – Und wenn ja wie viele?“ lautet der Titel eines Sachbuch-Bestsellers dieser Tage. Eine Fragestellung, die bereits vor gut 200 Jahren Heinrich von Kleist bei der Abfassung seiner Komödie „Amphitryon“ umtrieb. Regisseur Thomas Lazarus hat das Stück jetzt für die Würzburger Werkstattbühne inszeniert.

Angeregt von Molieres gleichnamiger Verskomödie schickt auch Kleist seine Hauptfiguren, den thebanischen Feldherren Amphitryon und dessen Diener Sofias, in ein turbulentes Verwirrspiel um Identität und (Selbst-)Bewusstsein. Ausgelöst wird das Spiel durch den Göttervater Jupiter und den Götterboten Merkur, die sich in Menschengestalt – eben als Feldherr Amphitryon und Diener Sosias – auf die Erde begeben haben. Dort beglückt Jupiter des nächtens in Gestalt des Amphitryon und in dessen Abwesenheit seine Gemahlin Alkmene, und Merkur verhindert als Sosias, das jener die Nachricht von der erfolgreichen Schlacht nach Theben übermitteln kann.

In höchster sprachlicher Virtuosität hat Kleist dem Stoff eine ganz eigene Note gegeben. Er belässt die komödiantischen Elemente, steigert sie gar in der ironisch gespiegelten Parallelhandlung der beiden Diener und fügt fast unmerklich eine tiefere, fast tragische, zweite Ebene ein: Was steht im Zentrum der menschlichen Identität? Welcher Erfahrung, welchem Gefühl darf und kann man trauen? Und wer bin ich wirklich, wenn mein Gegenüber behauptet „Ich“ zu sein und genauso wie „Ich“ aussieht?
Es ist bewundernswert, mit welcher Leichtigkeit Regisseur Thomas Lazarus und seine insgesamt neun Darsteller dieses anspruchsvolle, komplexe und zugleich höchst kurzweilige Stück auf die Bühne bringen. Der Schlüssel dafür ist die faszinierende sprecherische Genauigkeit, mit der alle Darsteller den hoch poetischen und gleichermaßen packenden Text artikulieren.

Aus der geschlossenen Ensembleleistung herauszuheben ist Stephan Ladnar, der als Diener Sosias eine wahre Meisterleistung abliefert. In selten so in der Werkstattbühne gesehener Einheit von Sprechen, dezentem Bewegen und fein herausgearbeiteter Mimik ist Ladnar das darstellerische Kraftzentrum der Inszenierung. Um ihn herum gruppiert sich ein homogenes und perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble, bestehend aus Herbert Ludwig (göttlich-kraftvoller Jupiter), Andreas Protte (als schlagkräftig gewitzter Merkur), Ralph Wüst (als jugendlich draufgängerischer Amphitryon), Christina Pfaehler-Lörcher (als jugendliche Alkmene bravourös auf dem schmalen Grad zwischen Naivität und Hellsichtigkeit) und Conny Wagner (als bauernschlaue Diener-Gattin Charis). In kleinen Rollen bewähren sich Alina Schädel, Nikolai Gajewski und Tobias Illing als Feldherren bzw. Oberste.
Einmal mehr hat Markus Czygan den Raum der Werkstattbühne für sein stark abstrahiertes Bühnenbild komplett verändert, und die Spielfläche um 90 Grad auf die dem Eingang gegenüber liegende Seite gedreht. Ursula Becker und Doris Antesberger sind für die zeitlos-schlichten Kostüme verantwortlich, Martin Hanns hat die stimmungsvolle Bühnenmusik beigesteuert.

Thomas Lazarus hat alle diese Elemente zu einem gleichermaßen heiteren wie tiefsinnigem Sommertheater zusammengefügt, dass sich dank der rechtzeitig zum Premierentermin fertiggestellten neuen Klimaanlage auch bei angenehm kühler Raumtemperatur genießen lässt.


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